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„Wir brauchen nicht viel – wir brauchen nur Zeit und die deutsche Grammatik.“


Unter dem Titel „Meine Idee ist super – aber wie finanziere ich sie?“ veranstaltete das IQ Teilprojekt ActNow! – Entrepreneurship Training für Flüchtlinge und Asylsuchende am 19. September 2017 nachmittags im SWANE-Café in Wuppertal einen gemeinsamen Workshop. Beteiligt waren alle Teilnehmenden des Projektes aus Köln, Wuppertal und Dortmund. Inputs zur Finanzierung, Thementische und eine Abschlussdiskussion im Plenum rundeten den Tag ab. Ein Nachmittag, um sich kennenzulernen und sich auszutauschen, insbesondere über wertvolle Erfahrungen, die weitergegeben werden sollen und müssen.

Die Atmosphäre ist entspannt und ermuntert zum Mitmachen im SWANE-Café in Wuppertal dem ebenfalls eine Gründung vor einigen Jahren zugrunde liegt. „Wann seid ihr heute Morgen aufgestanden? Wie lange war heute eure Anfahrt", fragt Moderator Martin Herrndorf in die Runde. So kommen die Teilnehmenden ins Gespräch.

An den verschiedenen Thementischen geht es um Fragestellungen wie etwa: „Wie gründe ich einen Verein? Welche Möglichkeit habe ich, Ideen umzusetzen und zu finanzieren?" Dazu steht in allen Fragen Jennifer Wolff von der Bergischen Universität Wuppertal aus dem Projekt „InTouch“ den Geflüchteten zur Verfügung.


Die Teilnehmenden aus Köln, Wuppertal und Dortmund tauschen sich in kleineren Gruppen über ihre ersten Erfahrungen mit den Angeboten des Teilprojektes aus.

„Wichtig für uns und unsere Teilnehmenden ist die Einbeziehung der Institutionen wie Kammern und Wirtschaftsförderungen in die Beratung und Workshops“, so Julia Siebert. „Vor allem Gerd Fahrendorf von der HWK Düsseldorf unterstützt uns sehr. Die Teilnehmenden freuen sich immer schon auf ihn und sind hochkonzentriert. An Pausen ist da kaum zu denken. Und die eigentlichen Knackpunkte, Stichwort Finanzierung, können wir nur gemeinsam anpacken.“

Auch Angelika Nolting, stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin Innovation und Unternehmensförderung der IHK Köln, sieht in dem IQ Teilprojekt ActNow! eine wichtige Schnittstelle zur Heranführung an die Angebote der STARTERCENTER. Es sei wichtig, dass die Menschen sehr gut vorbereitet sind, bevor sie gründen möchten. Hier spielen die Beraterinnen und Berater eine große Rolle.

Selly Wane, Leiterin des SWANE-Cafés in Wuppertal, berichtet den Teilnehmenden aus ihrem Erfahrungsschatz: „Wie sicher seid ihr, dass ihr gründen wollt?“

Die Gründerin hatte selbst keine Vorerfahrung, als sie mit dem Café in Wuppertal begann. Ihrer Meinung nach solle man nicht zu lange warten, bis alles perfekt ist, um den Gründungsprozess zu starten. Im Laufe der Zeit lerne man dazu – auch im Hinblick auf den Spracherwerb. Insbesondere sei die Konzentration auf das Kerngeschäft ausschlaggebend und so sei es sinnvoll, bestimmte Aufgaben extern zu vergeben.

„Es geht nicht allein um perfekte Sprachkenntnisse, sondern um viel mehr.“

Selly Wane führt aktuell ein Pilotprojekt in Wuppertal durch, ein sogenanntes Lernrestaurant, in dem Teilnehmende in einer Art „Präausbildung“ fit für den Beginn einer Ausbildung gemacht werden. Andere Teilnehmende werden vermutlich den Wunsch hegen, sich selbständig zu machen; hier übernimmt das IQ Teilprojekt ActNow! die weiterführende Qualifizierung.

 

 

Ehab S. 26 Jahre, ist in Syrien geboren. Das Zeichnen von Cartoons zählt neben dem eifrigen Lesen zu seinen Hobbys. Leider hat er dazu wenig Zeit, denn er möchte seinen Traum verwirklichen: Einen Studienabschluss in Deutschland.

„Ich bin aber nicht so sicher, in welche Richtung ich zukünftig gehen möchte“, sagt er. Die Teilnahme am Gasthörerprogramm der Universität Wuppertal ermöglicht Ehab eine erste Orientierung bei der Suche des richtigen Fachbereiches, aber vor allem auch um die Möglichkeit, die Sprache zu lernen. In Damaskus, seiner Heimatstadt, studierte er Maschinenbau.

„Seit unserer Ankunft vor zwei Jahren hier in Deutschland haben wir in vielen verschiedenen Heimen gewohnt. Das war sehr anstrengend. Aber meine Familie ist mit mir hier in Deutschland und das ist gut so. Trotzdem suche ich jetzt eine eigene Wohnung, weil ich so besser lernen kann.“

 

Maher K. ist seit dem Sommersemester Gasthörer des Programms „InTouch“ in Wuppertal. Er besucht einen Vorkurs Mathe und Deutsch und hat eine Zulassung zum Intensivsprachkurs Deutsch.

Maher, 24 Jahre, stammt aus Syrien und lebt seit zwei Jahren in Solingen. In Syrien studierte er bereits und arbeitete in der Metallfabrik seines Vaters. Sein Ziel ist es, hier in Deutschland Erneuerbare Energien oder Elektrotechnik zu studieren.

Sein Motto: „Wir brauchen nicht viel – wir brauchen nur Zeit und die deutsche Grammatik.“

 

Wael S. ist im August 2015 nach Deutschland gekommen. Er lebt alleine und holte seine Schwester über den Familiennachzug nach Deutschland.

Zuerst lebte er in Bayern und besuchte dort schnell einen Integrationskurs. Jetzt nimmt er am „InTouch“- Programm der Universität Wuppertal teil. Sein Ziel ist ein Abschluss im Fach Elektrotechnik.

„Ich habe in meiner Heimat als Grundschullehrer gearbeitet und Erziehungswissenschaften studiert und ich sage immer: Jetzt habe ich die Chance und auch die Zeit, um die Sprache zu lernen.“

Mohamad H. 35 aus Damaskus lebt seit zwei Jahren in Dortmund. Mit seinem Bruder möchte er im Zentrum von Dortmund zwei Handyläden eröffnen. Sie haben sich auf die Reparatur spezialisiert.

Um sprachlich die Niveaustufe B2 des Europäischen Referenzrahmens zu erreichen, geht er drei Monate jeden Nachmittag in einen Deutschkurs, den das Jobcenter finanziert.

„Ich bin sicher, dass ich diese Läden eröffnen möchte, wenn alle Papiere im nächsten Jahr anerkannt sind. In Dortmund gibt es viele Ausländer und ich habe viele Bekannte“, sagt er.

Derzeit unterstützt er das Jobcenter ehrenamtlich als Übersetzer . „In Damaskus habe ich eine Ausbildung als Lehrer für Englisch gemacht und auch dort schon ein Geschäft zum Verkauf von Handys betrieben. Selbstständig sein ist in Deutschland besser. Man kann selbst entscheiden, wie und wann man seinen Laden öffnen möchte.“


Muhamed A. kommt aus Dortmund. Sein Plan ist es, einen Verein zu gründen. Seit zwei Monaten ist er im Programm von ActNOW! Für die Gründung benötigt er einen Finanzplan und Strategien. Darum ist er heute hier.

Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland und macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker im Bereich Anwendungsentwicklung.

„Lernen ist für mich wie ein Licht und das Nichtwissen ist die Dunkelheit“, übersetzt er gekonnt ein arabisches Sprichwort.

Mohmmadreza Y. aus dem Iran sieht die Zukunft im Export und Import. „In meiner Heimat habe ich 25 Jahre lang als Public Relations Manager in einem großen Unternehmen gearbeitet.“ Zusammen mit seinem sechzehnjährigen Sohn, der das Abitur macht, stellte er seine Ideen vor: „Der Iran importiert jährlich Kosmetika für 2,1 Milliarden Dollar. Deutsche Produkte haben einen guten Ruf und die Nachfrage an deutschen Produkten im Iran ist sehr hoch. Somit steht der Iran auf Platz sieben der weltweiten Nachfrage nach Kosmetika. Meine Vorteile für ein erfolgreiches Business sind u.a. meine vielen Kontakte im Iran.“

Wiedersehen mit Ibrahim A. im Projekt ActNOW!

Als Ibrahim A. vor drei Jahren aus Syrien vor dem Bürgerkrieg geflohen ist, musste er seine gesamte Existenz zurücklassen. Ibrahim A. wurde in der mit über 400.000 Einwohnern größten syrischen Hafenstadt Latakia am Mittelmeer geboren. Nach einem erfolgreichen Schulabschluss lernte er den Beruf des Schneiders. Zunächst zog es ihn nach Damaskus, wo er einige Jahre für zwei weltweit bekannte Modelabels arbeitete. 2004 kehrte er zurück in seine Heimat, um mit seiner Berufserfahrung eine solide Selbstständigkeit im Textilgewerbe aufzubauen. Zehn Jahre sollte er als Stoffhändler und Gardinenschneider erfolgreich sein, bis er 2014 schließlich vor Krieg und Terror nach Deutschland fliehen musste.

Björn Woywod, Berater der Handwerkskammer Dortmund, eröffnete Ibrahim A. die Möglichkeit der sogenannten „Externenprüfung“.

Laut Handwerksordnung können Personen, die keinen Berufsabschluss haben, aber mehr als das Eineinhalbfache der Zeit an Berufserfahrung nachweisen, die als Ausbildungszeit vorgeschrieben ist, als sogenannte Externe an der Gesellen- bzw. Abschlussprüfung teilnehmen.

Im Erfolgsfall erwerben sie damit den deutschen Berufsabschluss. Diese Chance wollte der Schneider aus Syrien nutzen.

Da für Änderungsschneiderinnen und Änderungsschneider keine passenden Qualifizierungsangebote bei der Handwerkskammer Dortmund vorliegen, wurde er an das IQ NRW Teilprojekt „Anpassungs- und Nachqualifizierungen in den Berufen des dualen Systems“ verwiesen.

Gemeinsam mit Gabriele Rose-Mainka und Christa Wilken organsierten zwei erfahrene Dozentinnen und ehemalige Mitglieder der Prüfungsausschüsse für Änderungsschneiderei und Maßschneiderei bei der Handwerkskammer Münster für Ibrahim A. eine individuelle Anpassungsqualifizierung. So übte er sowohl die Fachtheorie als auch die Fachpraxis, insbesondere die Unterrichtsfächer Wirtschaft und Soziales.

Bereits im Winter überzeugte Ibrahim A. den Prüfungsausschuss für Änderungsschneider bei der Handwerkskammer Münster von seinem fachlichen Können und hat nun den Berufsabschluss „Änderungsschneider“. „Ich freue mich sehr über die bestandene Prüfung und bin dankbar für die Unterstützung, die ich von den Handwerkskammern, von den Dozentinnen und vom Westdeutschen Handwerkskammertag erhalten habe. Doch das ist für mich nur eine weitere Zwischenstation. Mein nächster Schritt ist die Selbstständigkeit, denn ich möchte meine Frau und meine beiden Töchter selbst ernähren können“, so Ibrahim A. kurz nach seiner bestandenen Prüfung. Dabei hilft ihm nun das IQ Teilprojekt NRW ActNOW! Ein gelungener Übergang innerhalb des IQ Netzwerks NRW.

Produktionsdatum: 09/2017 | Fotos: WHKT

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Ali D: „Never give up.“

Migrafrica, ein lokaler Kooperationspartner des Trägervereins CHANCENGLEICH in Europa e.V. in Köln, agiert als kommunikatives Bindeglied zwischen Institutionen und Flüchtlingen. Sie fördern Initiativen und Ehrenamtliche bei der Flüchtlingshilfe und beraten Migrationsorganisationen. Obwohl es viele Integrationsagenturen mit guten Angeboten gibt, wie z.B. Deutschunterricht, Aufklärungsarbeit bezüglich Sozialsysteme, Kultur, Bildung, Demokratieverständnis usw., werden diese von den Migrantinnen und Migranten häufig nicht belegt. 

Aufgrund fehlender Sprach- und Kulturkenntnisse fällt es ihnen oft schwer, die geeigneten Integrationsmaßnahmen unter der Vielzahl an Angeboten der verschiedenen Agenturen zu finden. Migrafrica koordiniert diese Angebote für junge Migrantinnen und Migranten und sorgt dafür, passende Maßnahmen für individuelle Bedürfnisse zu finden.

Die ersten Begegnungen und Gespräche der jungen Migranten werden von Migrafrica begleitet und ggf. gedolmetscht. Weiterhin können ausländerrechtliche Fragen der jungen Migrantinnen und Migranten geklärt und sie durch Rechtsberatungen unterstützt werden.

Ferner unterstützt Migrafrica Migrationsorganisationen durch diverse Professionalisierungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, welche im Rahmen von nationalen oder europäischen Projekten stattfinden. www.diasporanrw.net (Projektförderung, Fundraising)

Teki Z.: „Meine Produkte sind mit Liebe und von Hand gemacht.“

Evar S. aus dem Iran stellt selbst Schmuck her. Er arbeitete 25 Jahre in einer Gold-Gießanlage und führte 12 Jahre ein eigenes Unternehmen, in dem er Goldprodukte aus Hongkong, Thailand und China nach Dubai exportierte. Filigrane iranische Goldschmiedekunst ist sein Handwerk.

Insbesondere das Tierdesign hat es ihm angetan. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal für die Vision einer eigenen Manufaktur in Deutschland.

Shaker A.: „Alte Gebäude brauchen den Trockenbau.“

Der Trickfilmer, Zeichner und Regisseur Mohammad K. und seine Frau Deljin M., Kunstmalerin und Illustratorin, aus dem Iran träumen von einem Animationsfilmstudio. Sie möchten gemeinsam mit Kindern für Kinder Trickfilme und Kinderbücher produzieren. „In Deutschland gibt es wenig Animationsfilme mit transnationalem Erfolg.“ Seit 17 Jahren kennt Mohammad K. die Branche. Workshops für Kinder im Alter zwischen 13 und 16 Jahren sind in der Planung. Mohammad möchte bald mit zwei Pilotprojekten in Köln und Oberhausen starten.


Julia Siebert, Projektleitung IQ Teilprojekt:
Heute wird deutlich sichtbar, dass wir es mit gestandenen Unternehmerpersönlichkeiten zu tun haben, die so viel Fachlichkeit und Erfahrung mitbringen. Sie wissen, was sie können und was sie wollen. Das motiviert ungemein. Wir können ihnen helfen, das in unsere Sprache und Strukturvorlagen zu bringen. Ihre Marktbeobachtung und -analyse haben sie längst gemacht.


Rosemary Buch, Co-Trainerin im IQ Teilprojekt:
Eine ernstgemeinte Auseinandersetzung mit den Teilnehmenden und ihren Geschäftsideen lohnt sich. Es ist beeindruckend, wie viel Ausdauer und Mut sie mitbringen, Menschen in einer für sie ungewohnten sprachlichen und kulturellen Umgebung von ihrem unternehmerischen Potential und ihrer fachlichen Expertise zu überzeugen.

 

Mohammad K. und seine Frau Deljin M.: Gemeinsam mit Kindern für Kinder Trickfilme und Kinderbücher produzieren

Förderrunde IQ 2015–2018:

IQ Teilprojekt: ActNow! – Entrepreneurship Training für Flüchtlinge und Asylsuchende

Teilprojektpartner: CHANCENGLEICH in Europa e.V., Hörder Bahnhofstraße 6, 44263 Dortmund