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Kompetenzen sichtbar machen – „Es geht um Ausprobieren und Testen“

18.05.2017, Jobcenter Gelsenkirchen: IQ Teilprojekt AnerkennungsKombi testete im Praxisfeld Pflege und Gesundheit

Das Team des IQ NRW-Teilprojektes „IQ AnerkennungsKombi“ des Netzwerkes Lippe hat ein Analyseinstrument entwickelt, das gezielt Kompetenzen von Menschen mit ausländischen Berufserfahrungen in zehn verschiedenen Praxisfeldern sichtbar macht. Dazu wurden an mehreren Tagen ausgewählte Personen von den Beraterinnen und Beratern aus dem Jobcenter Gelsenkirchen in die B.box eingeladen.

Die B.box in Gelsenkirchen (www.iag-gelsenkirchen.de) ist ein neues, zeitgemäßes Dienstleistungsangebot des Integrationscenters für Arbeit Gelsenkirchen – das Jobcenter (IAG) für alle Kundinnen und Kunden, die sich rund um Bildung, Beruf und Arbeitsmarkt informieren möchten. Auch die Online-Suche nach Ausbildungs- oder Arbeitsstellen sowie das Erstellen professioneller Bewerbungsunterlagen sind im Angebot.

Im Praxisfeld „Pflege“ testeten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des IQ Teilprojektes vier Teilnehmende, die die Beraterinnen und Berater des Jobcenters für den Bereich Pflege ausgewählt und eingeladen hatten. Das Teilprojekt „IQ AnerkennungsKombi“ ist ein Instrument, das ergänzend in die Beratung mit einbezogen werden kann und diese unterstützt.

Zentraler Bestandteil ist die Positionsbestimmung der Ratsuchenden anhand einer praktischen Fähigkeiten- und Fertigkeitenanalyse. Der anschließende Profilbericht bietet einen wichtigen Anhaltspunkt zur Einschätzung der Qualifikation und ggf. Aufdeckung von Qualifizierungsbedarfen. Gestestet werden Fachkompetenzen, Methodenkompetenzen wie z.B Arbeits- und Selbstorganisation, soziale Kompetenzen im Hinblick auf Kommunikationsfähigkeit als auch persönliche Kompetenzen wie Sorgfalt und Stressresistenz. Zielgruppe sind erwachsene Migratinnen und Migranten.

Für die Teilnehmenden wird ein individuelles Kompetenzprofil entwickelt, das die Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Blick auf die realen Anforderungen der Berufsausbildung dokumentiert.

Donnerstagmorgen: Das heutige Thema ist das Praxisfeld Pflege

Der Tag beginnt mit einer kleinen Vorstellungsrunde der Teilnehmenden und dem IQ Team. Der Ablauf ist einfach: An fünf verschiedenen Stationen werden mit Hilfe von Rollenspielen Situationen aus der Praxis der Pflege simuliert. Die Rollenspiele sind nach unterschiedlichem Schweregrad gestaffelt. 

Es werden immer zwei Teilnehmende gleichzeitig beobachtet. Nach der letzten Station, der Medikamentenvergabe, und nach mehr als fünf Stunden dürfen die Teilnehmenden einen Fragebogen ausfüllen und mit den Beobachtenden ein Feedbackgespräch führen. Die Auswertung, die auch eine Selbsteinschätzung beinhaltet, wird in den nächsten Wochen in Form eines Kompetenzprofiles an das Jobcenter und an die Teilnehmenden versendet. Sie dient vor allem als Anknüpfungspunkt für die weitere Beratung und hilft, gemeinsam mit der Ratsuchenden bzw. dem Ratsuchenden neue Schritte zu planen. Für die Bewerbung in einer Pflegeeinrichtung könnte das Profil die Tür in den Arbeitsmarkt öffnen.


Felix Stork vom Netzwerk Lippe beobachtet und dokumentiert die Station „Nahrung reichen“: „Wir sagen, was wir gesehen haben und wir schauen genau, was sie machen.“


Ivo S., 53, (hier an der Station „Ankleidehilfe“) wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren. Seit mehr als drei Jahren lebt er alleine in Deutschland. Zwischen seinem zweiten und siebten Lebensjahr lebte er mit seiner Familie in Libyen. Zurück in Belgrad absolvierte er eine Ausbildung in der Krankenpflege. In diesem Beruf hat er aber nie gearbeitet.

„Schon immer war ich verliebt in Deutschland, kannte es gut, denn meine Tante wohnte lange Zeit in Leverkusen. Hier möchte ich arbeiten und meinen Lebensunterhalt verdienen“, so Ivo S.


Gagane R., 37, aus Armenien (hier an der Station „Arm verbinden“ mit Julia Lahl vom Netzwerk Lippe): „Mit meinem Mann und meiner siebenjährigen Tochter lebe ich hier in Deutschland. Ich will immer weiter gehen und kann alles! In meiner Heimat bin zu den Leuten nach Hause gegangen und ich habe alles gemacht. Ich liebe es mit alten Leuten zu arbeiten. In einer psychiatrischen Klinik durfte ich bereits hier in Deutschland ein Praktikum absolvieren. Mein größtes Problem ist leider die Sprache.“


Anna M., 49, (hier an der Station „Nahrung anreichen“) aus Ungarn ist seit vier Jahren in Deutschland und hat vier Kinder. Drei davon sind längst erwachsen.

„Ich habe keine Ausbildung, aber sehr viel Berufserfahrung. In Ungarn habe ich in meinem Dorf Menschen betreut. …


… Mit meinem Fahrrad habe ich jeden Tag eine Reihe alter Menschen besucht, für sie geputzt, eingekauft und mit ihnen gesprochen, sie zum Arzt begleitet und vieles mehr. In Deutschland möchte ich sehr gern wieder mit alten Menschen arbeiten“
, so der Wunsch von Anna M. (hier an der Station „Ankleidehilfe“).


Samira T. (hier an der Station „Arm verbinden“ mit Diana Gärtner vom Netzwerk Lippe), 1971 in Marokko geboren, ist Hebamme und Mutter von fünf Kindern. Viele Jahre hat sie in ihrem Beruf gearbeitet. In Marokko hat sie Abitur gemacht und eine Ausbildung als Hebamme absolviert. Mit ihrer Familie ist sie später nach Spanien gegangen und hat dort einige Jahre als Krankenpflegerin gearbeitet.

Nun ist sie seit vier Jahren in Deutschland, lernt die deutsche Sprache an der Volkshochschule in Gelsenkirchen und strebt in einem entsprechenden Kurs an der VHS das Zertifikat B2 an. Sie möchte sehr gern wieder ihre Dienste als Hebamme anbieten, das ist ihre Profession. In der letzten Zeit hat sie sehr engagiert als Sozialbetreuerin für die Caritas im Flüchtlingscamp in Marokko Hilfe geleistet, insbesondere in den Fragen der Gesundheit oder als Übersetzerin. Denn eines ist für Samira T. klar: „Zu helfen macht mir Spaß.“


Eva Homscheidt (l.), Leitung B.box, Team Berufliche Bildung – T544/B.box: „Der deutsche Arbeitsmarkt stützt sich weiterhin stark auf formale Bildungs- und Berufszertifikate. Diese liegen bei den Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Gründen jedoch oft nicht vor. Die Testung  „IQ AnerkennungsKombi NRW“  bietet den Teilnehmenden eine hilfreiche Einschätzung, um sich auf unserem Arbeitsmarkt einzuordnen. Anhand des erstellten Profilberichts können so mögliche Defizite erkannt und abgebaut werden. Die persönlichen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in unserem Jobcenter können auf dieser Grundlage zielgerichtete Qualifizierungen anstoßen, um die Teilnehmenden langfristig in den 1. Arbeitsmarkt zu integrieren. Wichtig finde ich dabei auch die Wertschätzung der bereits vorhandenen Kompetenzen der Teilnehmenden.“


Stephanie Janzen (r.), Netzwerk Lippe: „Uns geht es vor allem um die Feststellung der vorhandenen Kompetenzen bezogen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Jede der fünf Aufgaben in den Praxisfeldern ist anforderungsorientiert und wird standardisiert beobachtet. So haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, Erlerntes anzuwenden und abzuschätzen, wo sie stehen. Auch wenn nicht jede/r alles schafft, so macht es am Ende den meisten doch sehr viel Spaß und die Kompetenzfeststellung ist eine Chance, sich mal auszuprobieren.“


Das IQ Team und die Teilnehmenden: Stephanie Janzen (Netzwerk Lippe), Gayane R. Anna M., Samira T., Antonia Stüßmann (Netzwerk Lippe), Felix Stork (Netzwerk Lippe), Ivo S., Julia Lahl (Netzwerk Lippe), Diana Gärtner (Netzwerk Lippe) (v.r.n.l.)

Donnerstagnachmittag: Die Teilnehmenden sind begeistert.

So hatten sich die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer den Tag nicht vorgestellt. Aber sie sind begeistert davon, wie der Tag ablief. Sie sind stolz, dass sie sich ausprobieren konnten und typische Aufgaben aus dem Berufsfeld kennen gelernt haben. „In meiner Heimat ist das alles anders, … aber ich weiß nun, was ich noch verbessern muss.

Produktionsdatum: 05/2017 | Fotos: WHKT

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Förderrunde IQ 2015–2018:

IQ Teilprojekt: „IQ AnerkennungsKombi“ für Teilnehmende im Kontext der Qualifizierung und Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Teilprojektpartner: Netzwerk Lippe gGmbH, Braunenbrucher Weg 18, 32758 Detmold