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Integrationspreis für Seval’s Traum: „Jeder Mensch hat seine Schwächen und Stärken.“

05/2022 | Es ist kurz vor 10:00 Uhr morgens als Seval Reçber das Team der Handwerkskammer und des Westdeutschen Handwerkskammertags in ihrem Friseursalon begrüßt. In ihrem Friseursalon ist schon zur frühen Stunde viel los. Auf zwei Etagen verwöhnt Frau Reçber gemeinsam mit ihren Mitarbeiter*innen ihre Kund*innen. Der Friseursalon ist nicht nur wegen der vielfältigen Dienstleistungen, die hier angeboten werden, bekannt, sondern es geht auch um die Gemeinschaft und das Zusammensein.

Im Minutentakt …

… klingelt das Telefon – in über 36 Jahren in Selbstständigkeit und 43 Jahre in ihrer Tätigkeit als Friseurin konnte sich die Dortmunderin eine große Stammkundschaft aufbauen.

Seval Reçber, geborene Ayar, kommt mit sechs Jahren aus Izmir nach Deutschland. Izmir bleibt ihr zweites Zuhause, sie pflegt engen Kontakt zu ihrer Familie und Bekannten, ihre Zukunft liegt allerdings in Deutschland. Seval Reçber lernt sehr schnell Deutsch und schließt mit 17 die Hauptschule ab. Schon da steht fest: Sie möchte Friseurin werden. Mit 23 schließt sie erfolgreich ihren Meister ab. Kurze Zeit später ging allerdings der Friseurbetrieb, in dem Frau Reçber ihre Ausbildung und den Meister absolvierte, in Konkurs. Auf den Hinweis, dass sie sehr mutig war, sich mit 25 Jahren selbstständig gemacht zu haben, lacht die Dortmunderin und meint: „Zum Arbeitsamt wollte ich nicht gehen. Also machte ich mich lieber selbstständig. Ich fand hier auf der Hamburger Straße einen kleinen Laden und die Bank unterstütze mich.“ Kurz nachdem Seval Reçber den Mietvertrag für ihren Salon unterschrieb, erfuhr sie, dass sie schwanger ist. Für sie war das kein Grund, ihren Traum nicht zu erfüllen: Eine Stammkundin passt auf ihre Tochter auf, während Seval Reçber Laden steht. „Ich hatte auch das Glück, die richtigen Menschen um mich zu haben, die mich voll und ganz unterstützt haben.“

Seit der ersten Stunde bildet die Dortmunderin junge Menschen mit Herzblut aus

Jedes Ausbildungsjahr stellt der Innungsbetrieb mindestens zwei Auszubildende ein, eine*r davon hat in der Regel einen familiären Migrationshintergrund. Schlechte Schulabschlüsse, mangelndes Selbstbewusstsein und Sprachprobleme gehören zu den größten Startschwierigkeiten der Auszubildenden. „Für mich zählt der Mensch und keine Schulnoten. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Viele sind sehr kreativ, aber in der Theorie nicht so gut“, sagt die Dortmunderin. Wenn ihre Schützlinge Probleme in der Schule hatten, organisierte sie eine Nachhilfe oder sie lernte zusammen mit den Azubis. „Aus allen ist etwas geworden, viele haben sich später selbstständig gemacht.“ Es sei selbstverständlich, junge Menschen zu unterstützen und auszubilden.

Ihr erster Salon …

… hatte 70 qm, in dem sie beginnend eine weitere Mitarbeiterin beschäftigte. 1990 kam dann der Umzug in den heutigen Salon – nur weniger Meter von ihrem ersten entfernt. Diesen renovierte sie aufwendig. Statt 70 qm waren es nun 250 qm auf zwei Ebenen. Jedes Jahr bildet der Friseurbetrieb zwei bis drei Auszubildende aus. Eine*r davon hat immer wie sie eine Zuwanderungsgeschichte. Zwischenzeitlich bewirtschaftete die 60-jährige in Dortmund zwei Standorte mit bis zu 35 Mitarbeitende. Die Auszubildende unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander. Seval Reçber meint bescheiden, dass sie die Jugendlichen lediglich auf den richtigen Weg bringen würde. Als zweites Standbein baute die sich Unternehmerin den Vertrieb mit Haarkosmetik auf.

Bereits vor dem Integrationspreis wurde das Engagement der 60-jährigen gewürdigt und ausgezeichnet

2007 war sie Finalistin beim „DEICHMANN-Förderpreis für Integration“, 2010 erhielt sie den Sonderpreis „Ausbildungs-As“ und im folgenden Jahr den „Interkulturellen Wirtschaftspreis“. Auch für ihre handwerklichen Fähigkeiten werden sie und ihr Team regelmäßig ausgezeichnet. Schulungen und Weiterbildungen gehören für sie zum Pflichtprogramm. „Nach der Meisterprüfung hört das Lernen nicht auf. Jedes Jahr gibt es etwas Neues zu lernen.“ Nur so könne man mithalten.

„Die Salons und der Vertrieb liefen sehr erfolgreich, bis ich vor etwa acht Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam“, erinnert sich Reçber. Sie verkaufte den Haarkosmetik-Vertrieb und möchte nun, nach und nach, einen Gang zurückschalten. Während der Pandemie hat sie sich mit einer befreundeten Friseurmeisterin zusammengeschlossen und teilt sich seither den Salon, der sich über zwei Etagen erstreckt. Funda Boer soll im nächsten Jahr ihren Betrieb komplett übernehmen. Ganz und gar möchte Frau Reçber sich aber noch nicht zurückziehen: „Wenn meine Erfahrung gefragt ist, bin ich immer da.“

Eine Kundin, die gerade freudestrahlend ihren neuen Haarschnitt bezahlt und eine Stammkundin bei Seval’s Traum ist, meint: „Bin ich froh, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass auch andere sehen, wie toll Sevals Bemühungen sind.“

05/2022 | Fotos: WHKT | Text: IQ Netzwerk NRW, HWK Dortmund

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