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Gut vorbereitet in die Kenntnisprüfung: KOMED-Q unterstützt Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland

10/2019 | Ein Patientenzimmer. Der Patient, männlich, etwa 27 Jahre alt, liegt auf dem Bett und schläft. Es klopft an seiner Tür, eine junge Ärztin betritt den Raum. Leicht nervös streicht sie über ihren weißen Kittel, setzt sich dann neben den inzwischen wachen Patienten ans Bett. „Wie geht es Ihnen heute?“, fragt die junge Ärztin. „Es geht so. Was ist eigentlich passiert?“, antwortet der Patient, noch schläfrig und leicht benommen.

Die Ärztin klärt ihn auf: Er habe einen Zuckerschock erlitten und sei ohnmächtig geworden. Diagnose: Diabetes Typ 2. Eine Krankheit, die den Rest seines Lebens beeinflussen werde, so die Ärztin. Sie klärt ihn auf, was er nun beachten muss: regelmäßig spritzen, Blutabnahme, Insulinspiegel überwachen. Ein normales Arzt/Patienten-Gespräch, könnte man meinen. Doch die beiden werden beobachtet.



Durch einen Doppelspiegel verfolgen sechs junge Menschen im Nebenraum das Gespräch und machen sich Notizen.

Der Raum ist dunkel, ein Monitor über dem Spiegel zeigt per Video die junge Ärztin und ihren Patienten.

Als die Ärztin das Gespräch mit ihrem Patienten beendet, richtet sich der junge Mann auf, ist plötzlich hellwach und wirkt kerngesund.

Denn: Der „Patient“ ist Schauspieler, hat mehrjährige Bühnenerfahrung und ist eigens für dieses Szenario engagiert worden.

Und die jungen Menschen aus dem Nebenraum sind, ebenso wie die „behandelnde Ärztin“, Teilnehmende der Wochenendseminare zur Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung für Ärztinnen und Ärzte des IQ NRW-Teilprojektes KOMED-Q.

Gemeinsam versammeln sie sich anschließend im Krankenzimmer, wo der „Patient“ sein Feedback des Gesprächs gibt. Danach geben auch die Seminarteilnehmenden ihre Einschätzung zum Gesehenen ab: Erst werden die positiven Aspekte genannt, dann folgen Verbesserungsvorschläge. Die junge „behandelnde Ärztin“ hört zu, nickt und bedankt sich. Die Betreuerin der Gruppe hat sich bisher dezent im Hintergrund gehalten, nun lobt sie abschließend die Zusammenarbeit der Teilnehmenden. Das Prinzip des Seminares ist klar: Möglichst realistische Szenarien abbilden, die Kandidatinnen und Kandidaten mit praktischen Fällen konfrontieren, sie dadurch auf das Berufsleben und insbesondere auf Stresssituationen vorbereiten. Alle Schauspielpatienten sind Profis, die Betreuung übernehmen geschulte Trainerinnen und Trainer.
 


Prof. Dr. Bernhard Marschall ist Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Münster. Am medicampus ist das IQ NRW-Teilprojekt KOMED-Q beheimatet, das ausländischen Ärztinnen und Ärzten Kurse zur Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung anbietet. „Wir wollen unsere Teilnehmenden nicht über die Hürde tragen, es handelt sich auch nicht um einen Crashkurs Medizin. Vielmehr geht es in unserem Projekt um das Erlernen der Fähigkeit, unter Berücksichtigung der kulturellen Rahmenbedingungen in Deutschland mit den Patienten umzugehen. Die fachliche Kompetenz sollte dann auch schon vorhanden sein“, beschreibt Marschall die Grundidee des Projekts. Derzeit nehmen 20 Teilnehmende in drei Gruppen an der Qualifizierung teil. Einige der Ärztinnen und Ärzte besitzen die vorübergehende Berufserlaubnis und arbeiten bereits. Sie kommen aus dem Balkan, Syrien, der Ukraine, Russland oder dem Iran. Die Kurse finden an den Wochenenden statt, unter der Woche gibt es E-Learning und Hausaufgaben.


Hauptverantwortlich für die Koordinierung des IQ NRW-Teilprojektes ist Tanja dos Santos. Die medizinische Fachangestellte hat vor einigen Monaten die Projektleitung übernommen und ist von dem Programm überzeugt. Dies spiegelt sich auch an den wachsenden Teilnehmendenzahlen wider:

„Wir verzeichnen einen enormen Zulauf. Die Teilnehmenden geben ihre positiven Erfahrungen an Bekannte weiter. Dadurch wuchs unser Bekanntheitsgrad unglaublich schnell.“


Entscheidend für eine erfolgreiche Teilnahme ist die Arzt-Patienten-Kommunikation. Hauptverantwortliche hierfür ist Janina Sensmeier. Die Psychologin arbeitet seit 13 Jahren am Studienhospital. Sie betont: „In den unterschiedlichen Kulturen ist der Umgang mit der Diagnose auch unterschiedlich. In einigen Ländern sagt man der Patientin oder dem Patienten beispielsweise immer die schlechte Nachricht zuerst.“ Um Unsicherheiten hinsichtlich interkultureller Konflikte zuvorzukommen, werden am Studienhospital Settings für das angstfreie Lernen entwickelt.


Nugroho N. ist aus Indonesien, er lebt seit drei Jahren in Münster und lernt seit 2015 Deutsch. Sein herzliches Lächeln ist ansteckend. „Ich habe schon sechs Jahre als Allgemeinmediziner in meiner Heimat gearbeitet. Ich kann mit den Händen und mit dem Kopf helfen und liebe meinen Beruf als Arzt“, sagt Nugroho über seine Profession. Aus diesem Grund will er möglichst schnell wieder in seinem gelernten Beruf arbeiten. Seine Kenntnisprüfung hat er noch in diesem Jahr: „Ich habe großen Respekt vor der Prüfung und ich weiß, dass ich mich sehr gut darauf vorbereiten muss.“
 


Diese Erfahrung musste Rustam R. aus Russland bereits machen. Der Spätaussiedler lebt seit 2013 in Deutschland und hatte bereits eine Kenntnisprüfung, scheiterte jedoch. Dass er sie nicht bestanden hat, belastet ihn heute noch. Deswegen bereitet er sich nun umso intensiver auf seinen neuen Versuch vor.

Die Maßnahme im Rahmen von KOMED-Q ist aus seiner Sicht dafür ideal: „Dieser Kurs ist gezielt und perfekt für die Vorbereitung. Ich bin jedes Wochenende dabei.“

Besonderen Wert legt er auch auf die Kommunikation innerhalb der Gruppe, die ihm bei der Vorbereitung hilft: „Wir können miteinander sprechen, tauschen unsere Unterrichtsmaterialien aus und helfen uns gegenseitig. Hier fühle ich mich bestätigt und wertgeschätzt, das ermutigt mich.“


Seinen neu gewonnenen Optimismus teilt Rustam mit Joseph M., der in Uganda geboren ist. Joseph lebt seit 2018 in Deutschland. Die Sprache beherrscht er schon gut, hat die Fachsprachenprüfung bereits bestanden. So schnell? Lapidar meint er dazu nur: „Wer Französisch spricht, kann auch sehr schnell Deutsch lernen!“ Seine Ausbildung zum Allgemeinmediziner hat er in seiner Heimat abgeschlossen, dort gearbeitet hat er jedoch noch nicht. Er möchte Facharzt für Neurologie werden und hat bereits im kommenden Jahr die Kenntnisprüfung.

Joseph möchte sie unbedingt gleich bestehen, weiß aber auch: „Es wird eine große Herausforderung. Die Erfolgsquote ist leider niedrig, aber ich bin optimistisch. Wir werden das zusammen schaffen!“
 

Produktionsdatum: 10/2019 | Fotos: WHKT

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IQ Teilprojekt:
KOMED-Q: Kompetenzbasierte medizinische Qualifizierung – Vorbereitungskurs auf die Kenntnisprüfung für Ärztinnen und Ärzte unter besonderer Berücksichtigung des ländlichen Raums

Teilprojektpartner: Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Medizinische Fakultät, Institut für Ausbildung und Studienangelegenheiten (IfAS) | Albert-Schweizer-Campus 1, Gebäude A6 | 48149 Münster

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