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Kulturelle Vielfalt im Handwerk – die Chance auf eine gute Ausbildung im Elektrohandwerk

04/2021 | Das Elektrounternehmen Ohligschläger in Würselen hat zurzeit sechs Auszubildende, davon zwei mit Fluchthintergrund aus Afghanistan und Syrien. Einen dritten Geflüchteten aus Simbabwe hat der Betrieb gerade erfolgreich zur Gesellenprüfung geführt und als Monteur übernommen. Nun möchte das Unternehmen auch am ZWH-Projekt „Botschafter des Handwerks“ teilnehmen.
 

Sven Ohligschläger ist Elektrotechnikermeister und gemeinsam mit seinem Vater Johann Geschäftsführer seines modernen Familienbetriebs. Seit knapp zehn Jahren bildet er junge Menschen aus – er und sein Betrieb genießen einen guten Ruf als Anlaufstelle für junge Auszubildende. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorstand der Elektroinnung Aachen besonders für Menschen mit Einwanderungsgeschichte. So steht er häufig mit den Willkommenslotsen der Handwerkskammer im Austausch, um gerade diesen jungen Talenten eine Chance zu geben. Für ihn ist Ausbildung eine Win-win-Situation. So setzt er seinen neuen Gesellen Innocent M. gern in der Kundenbetreuung ein. Unter anderem ist dieser nun als Monteur im örtlichen Bethlehem Krankenhaus im Einsatz – und macht seinen Job ausgezeichnet. „Innocent ist für mich praktisch ein Selbstläufer. Die größte Herausforderung ist wohl die sprachliche Barriere. Umso wichtiger ist daher der direkte Kontakt mit unseren Kunden, denn in der Praxis lernt man einfach am schnellsten“, so Ohligschläger.

Insgesamt beschäftigt der Würselener Handwerksbetrieb 14 Angestellte – von seinem Vater, „Opa Ohligschläger“, bis zu seiner Mutter Helene, die als Assistenz der Geschäftsführung die Buchhaltung im Griff hat.

Geselle Robin H. kümmert sich nun um die Auszubildenden und zeigt Verantwortung. Er bringt das Erfolgsrezept des erfolgreichen Ausbildungsbetriebes Ohligschläger auf den Punkt: „Alle sind im Betrieb groß geworden. Wir gehören praktisch zur Familie. Ich möchte den neuen Kollegen deswegen etwas davon zurückgeben, was ich bekommen habe und an ihrer Ausbildung beteiligt sein. Das ist mir am wichtigsten.“

Jeden Morgen treffen sich alle Monteure und Auszubildende, um die anstehenden Aufgaben zu besprechen und die Montagewagen entsprechend auszurüsten. Die Auszubildenden sind von Anfang an in alle Aufgabenbereiche eingebunden. Tages- und monatliche Fachberichte unterstützen den Ausbildungsprozess. Für eine gute Kommunikation ist es ebenso wichtig, ein Stundenbuch zu pflegen und alles mitzuschreiben. Gerade Menschen, die in der deutschen Sprache noch nicht so zu Hause seien, benötigten einfach mehr Zeit zum Lernen. Dafür zeigt Ohligschläger Verständnis. „Man macht nie alles richtig“, so der Unternehmer. Deswegen sei Transparenz, Kritikfähigkeit und Teamfähigkeit wichtig. Hinzu käme eine flache Hierarchie. Kulturelle Vielfalt sieht er dabei als Stärke. Die familiäre Struktur des Betriebes sei dafür die Grundlage. Für seine Kunden, häufig öffentliche und moderne Auftraggeber, macht das seinen Betrieb attraktiver. 

Innocent M. ist genauso stolz auf sich wie sein Ausbildungsbetrieb in Würselen.

Im vergangenen Jahr war der 1994 in Simbabwe geborene Innocent Klassenbester in der Berufsschule. Vor mehr als sechs Jahren machte er sich alleine auf den Weg nach Deutschland. „Mein Vater hat gesagt, ‚du musst nach Deutschland‘. So bin ich schließlich in Düsseldorf aus dem Flugzeug gestiegen und war einigermaßen orientierungslos. Ein Bekannter sagte mir, ich solle nach Aachen gehen. Es gibt hier so viele verschiedene Menschen – die einen helfen sofort und andere interessiert das weniger. Eine Frau bot mir direkt ihre Hilfe und Unterstützung an, sodass ich in einer WG wohnen konnte. Mir war klar, dass ich etwas Technisches lernen wollte. Frau Kreuzer, die Willkommenslotsin der Handwerkskammer Aachen riet mir, mich bei der Firma Ohligschläger vorzustellen. Schon nach vier Tagen meines zweiwöchigen Praktikum, wurde mir ein Ausbildungsplatz angeboten.“ Sven Ohligschläger war sich gleich sicher, dass Innocent sehr gut in das Team des familiengeführten Handwerksunternehmens passte. Damit behielt er Recht.

Innocents Lebensmotto: stets motiviert zu sein. Er möchte sich ständig verbessern. Und er sagt: „Wenn du in einem anderen Land bist, vergisst du vieles. Es ist ein völlig anderes Leben.“

Hassan M. ist vor fünf Jahren gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Neffen aus Syrien nach Deutschland gekommen.

In Syrien war er Englischlehrer.  Jetzt führt er an der Seite der anderen Auszubildenden ein komplett anderes Leben. Er findet das System Ausbildung gut und sieht Deutschland als eine Chance. Zunächst bedeutete der Erwerb der deutschen Sprache eine echte Herausforderung: „Ich habe dann aber sehr schnell Deutsch gelernt. In weniger als zwei Jahren habe ich das Niveau C1 erreicht. Mein Wunsch war es, schnell zu sein und noch immer lerne ich jeden Tag etwas Neues. Hier hilft mir meine Leidenschaft für das Lesen.“ Sein Weg in die Ausbildung war indes steinig. Im Internet machte er sich auf die Suche nach einer Ausbildung. Auf die meisten Bewerbung erhielt er eine Absage. Nicht so bei Ohligschläger.

„Bei Elektro Ohligschläger ist die Chance auf eine sehr gute Ausbildung groß. Es herrscht eine gute Atmosphäre und es geht von Anfang an um die menschliche Ebene“, so Hassan. „Das hat mich sehr motiviert und beeinflusst. Ich bin immer neugierig und möchte alles wissen.“

Wenn etwas gut ist, begegne einem auch das Gute, meint Hassan weise.

Safiullah S. aus Afghanistan ist 25 Jahre alt und lebt seit 2015 in Deutschland.

„Mein erster Tag in Deutschland war schwer“, erinnert er sich. Auch ihm habe die Willkommenslotsin der Handwerkskammer Aachen die Hand gereicht, damit er einen Weg in die Ausbildung finden konnte. „Bei Ohligschlägers ist es echt gut“, berichtet Safiullah, „sie helfen mir bei der Ausbildung und dabei, die Sprache zu lernen.“

Auch wenn die „bestimmten Artikel“ so manches Mal durcheinander geraten, lässt Safiullah sich nicht beirren. Seine Strategie: „Ich muss mit allen sprechen. Das hilft mir.“

Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortet er, das es wichtig sei, immer ausgezeichnet und zuvorkommend zu sein. „Fair Play“ also, auf das der leidenschaftliche Fußballer und Ringer nicht nur beim Sport, sondern auch im alltäglichen Miteinander großen Wert legt.

04/2021 | Fotos: WHKT

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