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Das Kanne-Prinzip

04/2021 | Ausgezeichnet mit dem Integrationspreis des Handwerks und dem Dortmunder Prädikat für Diversity, beschäftigt das Familienunternehmen Kanne in Lünen 21 Nationen, bildet aus, stärkt die Teilhabe und schätzt die Vielfalt.

Die Bäckerei Kanne in Lünen hat Tradition. Genau genommen seit über 120 Jahren. Heute leitet Wilhelm Kanne jun. (41), Bäckermeister, das Unternehmen in 5. Generation und setzt seine Ideen und Vorstellungen von handwerklicher Produktion und nachhaltiger BIO-Qualität mit einem innovativen Energiekonzept, viel Offenheit und einer ordentlichen Portion Überzeugung für kulturelle Vielfalt um. Dabei unterstützen ihn seine Frau Hannah Kanne, seine Eltern Renate und Wilhelm Karl Kanne sowie insgesamt 370 Kanne-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Backstube, in den umliegenden Filialen, in der Verwaltung und beim Personalmanagement.

„Unser Prinzip ist einfach: Wir sind überzeugt, dass sich hochwertige Backwaren nachhaltig und vor allem mit regionalen Rohstoffen herstellen lassen. Damit dies tagtäglich gelingt, brauchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht nur mitwirken, sondern von dem überzeugt sind, was und vor allem wie wir gemeinsam arbeiten. Dies wiederum funktioniert, weil wir vor allem Wert auf Ausbildung und Wertschätzung legen und Neues immer auch als Chance sehen, daran und damit zu wachsen. Seit etwa fünf Jahren ist und die Beschäftigung von geflüchteten Menschen unser Thema. Ein neues Kapitel. Sicher nicht nur bei uns in Lünen, sondern für das Handwerk insgesamt. Ein Kapitel mit einer großen Chance für alle, motivierte Fachkräfte zu finden“, so Wilhelm Kanne jun.

 

„Offenheit und Individualität. Genauer hinsehen und besser zuhören.“

Dass die Unternehmensphilosophie bei Kanne aufgeht, zeigt sich im stabilen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Dass zusätzlich die Umwelt geschont wird, zeigt die Energiebilanz der Firma. Demnach fließen über 80% des jährlichen Strombedarfs per selbst produziertem Öko-Strom in die Backöfen. Und was das Integrationsmanagement anbetrifft, funktioniert auch hier das Kanne-Prinzip. Insgesamt sind es 21 Nationalitäten, die das Unternehmen vereint. „Es geht um Offenheit und Individualität und darum, dass wir Vielfalt als Mehrwert erleben. Aber gerade das wiederum kommt nicht von selbst und kostet Zeit. Zeit für die Menschen – für jeden Einzelnen. So auch bei uns. Immer wieder entstehen dabei auch Konflikte und Missverständnisse. Wir müssen daher alle lernen, noch genauer zuzuhören und hinzusehen.“

„Integration am Arbeitsmarkt gelingt gemeinsam. Netzwerke sind wichtig, Zusammenschlüsse von Betrieben und weniger Bürokratie auch.“

„Gerade wenn es um Fachkräfte geht, die erst neu nach Deutschland eingewandert sind und sich hier noch kein eigenes soziales Umfeld schaffen konnten. Wen sollen sie fragen, wer hilft durch die Bürokratie und wie kann beispielsweise eine junge alleinerziehende Mutter sich gleichzeitig beruflich und sprachlich qualifizieren, wenn die Kinderbetreuung nicht gesichert ist oder jemand achtseitige Anträge ausfüllen muss, um einen Zuschuss für das ÖPNV-Ticket zur Arbeit zu erhalten? In den Betrieben können wir einiges auffangen und stützen. So etwa mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und einer guten regionalen Netzwerkarbeit, wie beispielsweise mit Migrantenorganisationen, mit Sprachkursträgern, anderen Unternehmen sowie kommunalen Einrichtungen. Im Thema Integration ausländischer Fachkräfte am Arbeits- und Ausbildungsmarkt kommen wir nur gemeinsam weiter. Nur gemeinsam lässt sich so auch die Fachkräftelücke im Handwerk schließen“, betont Bäckermeister Wilhelm Kanne jun.

Eine neue Chance: Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz.

Einen weiteren Schritt, ausländische Fachkräfte für eine Bäckerausbildung in Lünen zu gewinnen, bereitet die Firma Kanne aktuell bereits vor. Grundlage hierfür: Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz. So stehen die Personalverantwortlichen von Kanne im engen Austausch mit zwei jungen Herren aus Marokko, die eine Bäckerausbildung anstreben, und bereiten mit der neuen Zentralstelle für die Fachkräfteeinwanderung in Bonn die Einwanderung vor.

Für die Unternehmenskultur sowie das Engagement im Bereich Diversity und Chancengleichheit erhielt die Bäckerei Kanne am 06. Oktober 2020 das Dortmunder Personalmanagement Prädikat.

www.baeckerei-kanne.de


„Ich kann so sein wie ich bin.“

„2013 bin ich mit meinen Kindern aus Ghana nach Deutschland gekommen. Es geht um deren Zukunft, dafür bin ich hier. Anfangs war ich sehr verzweifelt. Ich hatte 1000 Fragen und die deutsche Sprache ist sehr schwer. Als ich einigermaßen Deutsch konnte, habe ich vor gut drei Jahren bei einer Filiale der Firma Kanne gefragt, ob ich dort arbeiten könnte. Von dort wurde ich auf den Hauptsitz hier in Lünen hingewiesen und hier habe ich mich dann beworben. Nach einem Praktikum und einigen Monaten als Aushilfskraft in der Warenauslieferung habe ich Herrn Kanne angesprochen, ob ich Bäckerin werden könnte. Er sagte zu, ich war glücklich. Im ersten Ausbildungsjahr hatte ich dann wieder vor allem Probleme mit meinem Deutsch in der Berufsschule. Ein ganz anderes Problem war die Betreuung meiner Kinder. Aber auch hier half mir die Firma Kanne. Ich kann beispielsweise sehr flexibel arbeiten. Im nächsten Jahr mache ich meine Prüfung. Und dann bin ich Bäckerin.

Ich kann meinen Kindern zu Hause die schönsten Geburtstagskuchen backen, sie haben in Deutschland eine Zukunft für ihr Leben, ich bin bald Bäckergesellin und ich arbeite mit Menschen, die ehrlich zu mir sind und bei denen ich mich nicht verstellen muss. Ich habe ein Herz für Kanne und ich kann sein wie ich bin.“

„Ich habe Glück. Ich habe meinen Beruf gefunden.“

Ayoub R. (30) absolviert eine Bäckerausbildung, ist im dritten Lehrjahr bei der Fa. Kanne in Lünen und hat zuvor bereits eine Ausbildung zum Konditor in Algerien absolviert und 10 Jahre in dem Beruf gearbeitet.

„Backen ist mein Leben – Fußball meine Leidenschaft. Für beides bin ich in Deutschland gut aufgehoben. Von Tiaret in Algerien bin ich 2015 zunächst nach Frankreich und dann, weil das Brot hier besser ist, im Januar 2016 nach Deutschland gekommen.

Ende 2018 konnte ich dann genug Deutsch, habe mich bei der Bäckerei Kanne beworben und nach einem Praktikum die Bäckerausbildung gestartet. Nächstes Jahr bin ich Geselle und dann mal sehen, vielleicht ein Meister – wer weiß. Erst einmal als Geselle arbeiten und weiter lernen. Ich habe Glück. Ich habe meinen Beruf gefunden. Und nach Corona gibts hoffentlich auch wieder mehr Fußball“,  so Ayoub.

„Ein schönes Miteinander.“

Sayed H. (31) ist seit 2015 in Deutschland, hat zunächst seinen Schulabschluss nachgeholt und ist dann mit einem persönlichen Empfehlungsschreiben seiner Lehrerin zur Firma Kanne, um sich als Bäcker zu bewerben. Nach einem kurzen Praktikum hat er 2018 seinen Ausbildungsvertrag unterschrieben und steht jetzt kurz vor der Gesellenprüfung.

„Am 29.11.2015 kam ich mit dem Zug in München an. Geflohen bin ich aus Kundus, Afghanistan. Alleine.

Durch einige Zufälle, mit Glück und Menschen die mir geholfen haben, bin ich hier in Lünen gelandet – und nun werde ich Bäcker. Ich habe einen super Ausbildungsmeister, der alles genau erklärt und uns auch früh morgens perfekt motiviert.

Ich bin sehr zufrieden. Ich habe den besten Meister. Aber auch alle anderen hier bei Kanne sind offen und bringen mir viel bei. Ein schönes Miteinander. Eine gute Mannschaft“, so Sayed. 

 

04/2021 | Fotos: WHKT

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